Solega 963 = 2013 Sohlingen

Das Dorf Sohlingen liegt mitten im Ahletal, welches vom Sollingwald eingeschlossen wird. Vor 1000 Jahren erstreckte sich dieser Wald über eine viel größere Fläche. Kammerborn und Schönhagen waren noch nicht gegründet, ihre heutigen Gemarkungen von Wald bedeckt. Der von Menschenhand angelegte Nadelwald fehlte vollständig. Eichen füllten den feuchten Talgrund, Buchen bedeckten die Talhänge, Birken und Gebüsch die moorigen Höhen. Durch diesen lichten Laubwald führten schon in jener Zeit Wege, die mit unseren befestigten Straßen nicht zu vergleichen sind. Richtwege verbanden in möglichst gerader Linie benachbarte Orte.

Um das Jahr 1000 war unser Land in Grafschaften eingeteilt, an deren Spitze vom König eingesetzte Grafen standen. Sie waren verpflichtet, die Hauptwege innerhalb ihrer Grafschaft in Ordnung zu halten. Sie sollten so breit sein, dass ein Reiter, der seine Lanze vor sich auf dem Sattel liegen hatte, weder rechts noch links an Bäume oder andere Hindernisse stieß. Feuchte Stellen wurden mit Reisigbündeln und Steinen ausgebessert, Flüsse an seichten Stellen überquert. Besonders beliebt waren Höhenwege, die immer trocken blieben und kaum Wasserhindernisse boten. Noch vor 200 Jahren war der kürzeste Weg zwischen Uslar und Holzminden ein solcher Höhenweg, die Knobbenstraße. Für den geringen mittelalterlichen Verkehr reichten diese Wege völlig aus.

Auf den fruchtbarsten Böden lagen die wenigen Siedlungen mit einigen Gehöften und wenig Menschen. Ein Siedlungsforscher hat festgestellt, dass es um 1300 im Raum Holzminden-Alfeld-Duderstadt-Kassel fast nur kleine Ortschaften mit etwa 3-10 bäuerlichen Stellen gegeben hat. Es ist zu vermuten, dass ums Jahr 1000 in Sohlingen etwa 6 Bauernhöfe gestanden haben, die schätzungsweise von 50 Menschen bewohnt wurden.

Die Bewohner gehörten zum Stamm der Sachsen, der seit dem 5.Jahrhundert von Schleswig-Holstein her bis zu den heutigen Nordgrenzen von Thüringen und Hessen vorgedrungen war. Westlich von ihnen wohnten die Franken, deren König Karl der Große sich das Ziel gesetzt hatte, alle germanischen Stämme in seinem Frankenreiche zu vereinigen. Am längsten widerstanden ihm die Sachsen, die Männer von Widukinds Stamm. 30 Jahre musste er immer wieder zu Felde ziehen, bis sich die Sachsen unterwarfen und im Frankenreiche aufgingen. Das Geschlecht Karls des Großen starb im Jahre 919 aus, und es ist eine Ironie der Weltgeschichte, dass danach für rund 100 Jahre die deutschen Könige aus dem Herzogtum Sachsen kamen, das sich so zäh gegen die Aufnahme in dieses Reich gewehrt hatte: Heinrich I., Otto I., Otto II., Otto III. und Heinrich II..

Die Sachsenherzöge traten mit der Übernahme der Königskrone kein leichtes Erbe an. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war viel größer als unsere Bundesrepublik. Es umfasste das Gebiet von der Elbe bis zum Atlantik und reichte von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Zum Reich gehörten Deutschland, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Nordostfrankreich, die Schweiz, Österreich, Nord- und Mittelitalien mit der Stadt Rom.

Zu der Größe des Reiches kam seine Unwegsamkeit. Die unbefestigten Wege waren so schlecht, dass man an einem Tage nur 25-30 km zurücklegen konnte. Wir können heute innerhalb eines Tages um die ganze Welt fliegen, kommunizieren und tauschen Daten sowie Bilder aus zu fast jeden Ort auf der Erde in Sekundenschnelle. Zur damaligen Zeit konnten Nachrichten nur durch Boten überbracht werden. Wie lange mag wohl ein solcher Bote von Rom bis ins Herzogtum Sachsen unterwegs gewesen sein, um dem König eine wichtige Nachricht zu überbringen?!

Die Könige aus dem Sachsenstamm besaßen einige Güter zwischen Harz und Weser. Hier hielten sie sich während des unwirtlichen Winters auf. Wenn aber im Frühjahr besseres Wetter das Reisen erlaubte, dann stiegen sie in den Sattel und ritten von Herzogtum zu Herzogtum (Sachsen, Franken, Lothringen, Schwaben, Bayern), um anstehende Fragen zu entscheiden. Bei diesen ausgedehnten Ritten wurden sie von ihren Beamten, der Kanzlei, und einem Geleitschutz von Rittern begleitet. Oft reiste die Familie des Königs auf unbequemen Wagen mit. Man hat errechnet, dass der Herrscher mit einem Gefolge von 300 bis 500 Personen durch die Lande zog. Deren wirtschaftliche Versorgung erfolgte aus Reichsgut, d. h. aus Liegenschaften und Ländereien die dem Reich gehörten und über die der König unmittelbar verfügen konnte. Solche Reichsgutkomplexe sind  auch in unserer näheren Umgebung nachzuweisen. Dazu gehörten Höxter, Hemeln, Bodenfelde mit Anteilen an der dortigen Salzgewinnung und auch Sülbeck bei Einbeck. Medenheim, Wulften und Kalefeld sind weitere Königsgüter. Es gab also im südlichen Niedersachsen günstige Bedingungen, den reisenden Hof angemessen und standesgemäß versorgen zu können. Königsboten wurden vorausgeschickt, welche den Verwaltern der Königshöfe den bevorstehenden Besuch ankündigten. Wenn die Vorräte nicht ausreichten, konnte das Fehlende herbeigeschafft werden.

Die Ankündigung des Besuches war noch aus einem weiteren Grunde wichtig. Bittsteller fanden sich an einem für sie günstig gelegenen Königshof ein und trugen dem König ihr Anliegen vor. Wurde die Bitte gewährt, stellten die Beamten der Kanzlei darüber eine Urkunde aus, an deren Ende Ausstellungstag und Ausstellungsort angegeben sind. Solchen Königsurkunden ist es zu verdanken, dass Sohlingen mit guten Gewissen behaupten darf, 1050 Jahre alt zu sein und dürfte darüber hinaus wohl schon mehrere Jahrhunderte bestanden haben.

Im Jahre 963 war Otto II. als Stellvertreter seines Vaters durch Sohlingen gekommen und hatte auf Bitten der Klosterschwestern Berthildis und Hemma dem Nonnenkloster Hilwartshausen (bei Hann. Münden) die von seinem Vater erteilten Privilegien (= Vorrechte) bestätigt (20.7.963). Am folgenden Tage (21.7.963) wurde für das Kloster S.Maximin (bei Trier) eine Urkunde ausgefertigt. Die beschriebenen Urkunden sind nicht die einzigen, die ums Jahre 1000 in unserem Dorfe ausgestellt wurden.

Im Jahre 978 wurde in Sohlingen dem Bischof Albuin von Brixen (Südtirol) von Kaiser Otto II. die Immunität für sein Bistum, eigene Gerichtsbarkeit und eigenes Steuerrecht zugestanden.

Der Kaiser konnte nicht schreiben. Die Kanzleischreiber setzten unter den Urkundentext sein Monogramm, das alle Buchstaben des Kaisernamens enthielt. Der Kaiser zog mit eigener Hand nur den Querstrich durch dieses Monogramm und drückte daneben in weiches Wachs sein Siegel. Erzkanzler und Kanzler beglaubigten die Urkunde. Sie schließt mit dem Datum: '' Data XVI:kal.ium. Anno dominice incarnationis DCCCCLXXVIII''= 17. Mai 978 und der Ortsangabe: '' actum Saxonia in loco qui dicitur Solega'' = Gegeben in Sachsen im Ort der Sohlingen heißt.

Der Kaiser hielt sich zur Pfingstzeit des Jahres 978 in Sohlingen auf und muss hier das Pfingstfest gefeiert haben. Ein so hohes Kirchenfest war im  Mittelalter ohne Gotteshaus nicht denkbar. Es muss also in Sohlingen eine Kapelle gestanden haben, von der jede Nachricht fehlt. Im Jahre 1588 wird berichtet, dass sie eingefallen war.

Im Jahre 994 erlebte Sohlingen den Besuch König Ottos III., der hier in der Zeit zwischen 22. und 30. September 4 Urkunden ausfertigen ließ.

Am 22.9.994 schenkte er dem Markgrafen Hugo von Tuscien (=Toskana in Italien), der einen gegen den König gerichteten Aufstand in Italien niedergeschlagen  hatte, einen Bauplatz in der Pfalz zu Ingelheim (am Rhein) und eine Hufe Land (= 30 Morgen).

Der Kleriker (= Geistlicher) Burghart erhielt eine Hufe Land und zwei Hörige nebst ihren Familien. (27.9.994).

Burghart wurde später Bischof von Worms und ließ den Wormser Dom erbauen.

Am 29.9.994 bestätigte Otto der Bischöflichen Kirche in Ceneda (Italien) Rechte.

Am 30.9.994 schenkte der König seiner Schwester Sophia, die als Äbtissin dem Kloster Gandersheim vorstand, die Hörigen Eppo, Nending, Reginold und dessen Bruder, Azzacho und Macelin samt ihrem Besitze an Leben oder Eigentum in der Germaramark (Thüringen, um Langensalza).

Während des langen Aufenthaltes in Sohlingen wurde ein Reichstag abgehalten. Wir kennen nur die wenigen Namen von Teilnehmern, die in den Urkunden genannt sind. Von der königlichen Familie waren anwesend: Adelheit, die Witwe Ottos I., Prinzessin Sophia, des Königs Onkel Heinrich, Herzog von Bayern und Kärnten. Ferner sind Erzbischöfe und Bischöfe aus Deutschland und Italien und der Markgraf Hugo von Tuscien erwähnt, die in des Königs Diensten standen.

Otto III. wurde in Sohlingen für volljährig erklärt und gewappnet. Er war erst 14 Jahre alt. Weiter wurde beschlossen, eine Gesandtschaft unter Führung des Bischofs Bernward von Würzburg nach Byzanz, dem heutigen Istanbul, zu entsenden, die beim Kaiser des oströmischen Reiches um eine Gemahlin für den jungen König werben sollte. Eine zweite Gesandtschaft erhielt den Auftrag, beim Papst einen Termin für die Kaiserkrönung zu vereinbaren. Otto III. ist nur 22 Jahre alt geworden und starb unverheiratet. Nachfolger des kinderlosen Herrschers wurde Heinrich II., der im Jahre 1014 in Sohlingen 2 Urkunden für die bischöflichen Kirchen in Pavia und Vercelli in Italien ausstellen ließ. Mit seinem Tode 1024 in der Pfalz Grona erlosch das sächsische Königsgeschlecht.

Die deutsche Krone fiel an Heinrich III., einen fränkischen Grafen, dessen Eigentümer um Worms und Speyer am Rhein lagen. Dadurch verlagerte sich die Reichsgewalt vom Herzogtum Sachsen nach Westdeutschland. Sohlingens große Zeit war vorüber. Vielmal haben die Sachsenkönige in Sohlingen geurkundet: 963, 978, 994 und 1014. Von den 9 hier ausgestellten Urkunden sind nur 4 im Original erhalten und werden in Archiven in Hannover, Wolfenbüttel, Paris und Bozen aufbewahrt; die anderen 5 Urkunden kennen wir nur aus Abschriften. Bedauerlich ist, dass keine Urkunde etwas von Sohlingen berichtet; unser Dorf erscheint in ihnen nur als Ausstellungsort.

Sohlingen hat im Mittelalter an einem Königsweg gelegen, welcher von Duisburg am Rhein über das Kloster Corvey und die Pfalz Grona nach Merseburg an der Saale führte. In Corvey sind 24 Kaiserbesuche nachweisbar, in Grona 15. Beide Orte liegen etwa 60 km Luftlinie von einander entfernt. Bei einer Reisegeschwindigkeit von 25 – 30 km am Tage musste dazwischen eine weitere Königsherberge vorhanden sein, das war Sohlingen. Wenn man von Corvey kommend den Solling durchquert hatte, verdienten Mensch und Tier eine Ruhepause. Und kam der Zug von Grona her, legte man gern im letzten Ort vor der anstrengenden Gebirgsstrecke eine Rast ein. Sohlingen verdankt also die Königsaufenthalte der günstigen Verkehrslage an dem wichtigen Westostweg vom Rhein zur Saale.

Zum Beispiel führte der Reiseweg Otto II. 978 von Magdeburg über Allstedt, Pöhlde und Sohlingen zum Rhein; der Reiseweg Otto III. im Jahre 994 vom Rhein über Sohlingen nach Memleben und im Jahre 1014  zog der Tross von Heinrich II. von Dortmund über Corvey und Sohlingen nach Halberstadt.

Wie die Versorgung des königlichen Hofes beim Aufenthalt auf einer  Pfalz geregelt war, zeigt uns eine mittelalterliche Quelle, die vermutlich aus dem 12. Jahrhundert stammt. Es ist das so genannte Tafelgüterverzeichnis des Deutschen Reiches, d. h. ein Verzeichnis derjenigen königlichen Wirtschaftshöfe, die zur Versorgung der königlichen Tafel herangezogen wurden.

Als sächsische Höfe werden hier u. a. genannt: Goslar, Osterode, Werla (an der Oker im Kreis Goslar), Homburg bei Stadtoldendorf, Pöhlde, Grone, Eschwege.

Beim Aufenthalt eines Königs hatte der jeweilige Wirtschaftshof Versorgungsgüter aufzubringen, die aus genau festgelegten Leistungseinheiten, so genannten Königsservitien, bestanden. Ein solches Servitium bestand aus:

                   30 großen Schweinen, 5 Frischlingen

                   3 Kühen

                   50 Hühner, 50 Eiern

                   90 Stück Käse

                   10 Gänsen

                   5 Fudern Bier (1 Fuder beträgt ca. 900 Liter)

                   5 Pfund Pfeffer

                   1 Pfund Wachs

                   sowie Wein aus der eigenen Kellerei

Bis zu 20 solcher Leistungseinheiten hatte ein einzelner Wirtschaftshof für den Aufenthalt des Königs und seines Gefolges bereitzustellen.

Leider ist es bisher nicht gelungen, den Standort des Königshofes in Sohlingen zu bestimmen und durch Funde zu bestätigen. In Lehnbriefen aus der Zeit von 1429 – 1831 wird unser Dorf mit der feststehenden Formulierung “mit dem Dorfe Sohlingen und allen Rechten, ausgenommen die Forsthufe“ aufgeführt. Die Forsthufe scheint ein königlicher Forsthof gewesen zu sein. Der gesamte Sollingwald und die fruchtbaren Niederungen rund um das Gebirge waren im Mittelalter Königsgut, Königswald und Königsfeld. Im Flachland gebot als Stellvertreter des Königs der Graf innerhalb seiner Grafschaft. Im Waldgebirge finden wir statt dessen den königlichen forestarius, den Forstmeister. Sein Bezirk war der Forst, sein Amtssitz der Forsthof.

Bei Blankenburg im Harz hat man die Reste eines nicht sehr umfangreichen Forsthofes ausgegraben. Festgestellt wurden ein 36 m langes Wohngebäude mit Wohnräumen, einem Saal und einer Kapelle und abseits davon ein 35,80 m langes Wirtschaftsgebäude. So ähnlich wird man sich auch den Sohlinger Forsthof vorzustellen haben.

In einer “Rechts- und Wirtschaftsgeschichte norddeutscher Forsten..“ schreibt der Verfasser:“…Ein Meiergut in Sohlingen heißt die Forsthufe; der Meier gibt dem Amte davon jährlich 18 gl…“. Dieses Meiergut war nicht als Lehen vergeben, sondern unterstand dem fürstlichen Amte in Uslar. Es ist anzunehmen, dass der königliche Forsthof, der bei den Belehnungen stets ausgenommen wurde, und das Meiergut gleichen Namens an der gleichen Stelle gestanden haben. Der Meierhof wurde um 1920 von seinem damaligen Besitzer Otten-Brandt abgebrochen. An der selben Stelle dicht hinter der Kapelle am Westrande des Dorfes stehen heute 2 Scheunen. Daneben hätte auch im Mittelalter das große Gefolge des Königs lagern können und die wasserreiche Ahle mit den angrenzenden Wiesen einen guten Weideplatz für die vielen Pferde abgegeben. Sollte hier der gesuchte Königshof gestanden haben?

Quellen:

(Königsstraße und Königsgut in liudolfingischer Zeit  von Hans Jürgen Rieckenberg)

(Die Deutsche Geschichte von Rüdiger Proske)

(Das südliche Niedersachsen im Hochmittelalter von Peter Aufgebauer)

(Archiv Stadt Uslar – Ortsheimatpfleger Frank Jörn)

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